Chefdirigent johannes schlaefli im interview

Mona Laubner-Knapstein im Gespräch mit Johannes Schlaefli über seine Tätigkeit als Dirigierprofessor

MLK: Herr Schlaefli, Ihre Musikerlaufbahn begannen Sie ja als Oboist und das Dirigieren entwickelten Sie dann bald zu Ihrer hauptberuflichen Tätigkeit. Ist das eigentlich ein klassischer Weg des beruflichen Werdegangs eines Musikers?

JS: Es gibt auch heutzutage immer wieder diesen Fall, dass ein Musiker erst im Verlaufe seiner Laufbahn ins Fach Dirigieren wechselt. Aber ich glaube heutzutage ist das schon viel schwieriger geworden, die Konkurrenz unter den jungen Dirigenten ist enorm und diejenigen mit Ausbildung haben halt klar die besseren Karten...

MLK: Ab 1984 übernahmen Sie die Leitung des Akademischen Orchesters Zürich welches Sie bis Sommer 2014 betreuten; später wurde Ihnen auch die Leitung des Akademischen Kammerorchesters AKO und des Alumni Sinfonieorchesters Zürich anvertraut. Sie waren ja damals erst 27 Jahre alt. Würden Sie Ihren Student/innen empfehlen so jung eine leitende Funktion zu übernehmen.

JS: Ja unbedingt! Gerade mit einem Studentenorchester ist es ein guter Weg sich an die Verantwortung des Dirigenten heran zu tasten.

MLK: Sie sind seit 1999 Professor für Orchesterleitung an der Züricher Hochschule der Künste. Sie erhielten wichtige Impulse in Kursen und privater Zusammenarbeit von berühmten Dirigenten wie Leonard Bernstein u.v.m. Ihre Studenten sind sicher sehr beeindruckt von soviel Erfahrung und Kompetenz?

JS: Das glaube ich nun nicht unbedingt. Andere Dirigierlehrer haben durchaus beeindruckendere Laufbahnen hinter sich als ich. Die heutigen Studierenden sind stark auf die Gegenwart und ihr eigens dirigentisches Umfeld fokussiert und interessieren sich im allgemeinen weniger dafür was ihr Lehrer früher mal erlebt hat und viel mehr dafür was er ihnen ganz konkret mitgeben kann.

MLK: Ab Sommer 2017 sind Sie Head of Teaching“ bei der Conducting Academy des Gstaad-Menuhin-Festivals. Wie kommt man zu solch einer ehrenwerten Aufgabe?

JS: Wie meistens durch eine Verkettung von Zufällen. Diesen Sommer musste einer der Lehrer krankeitshalber absagen und man hat dringend einen Ersatz gesucht. Zum Glück hatte ich zufällig Zeit. Ab kommendem Jahr war ohnehin geplant mit neuem Konzept und neuen Leuten zu arbeiten Meine Arbeit scheint den Verantwortlichen gefallen zu haben, so dass sie mich fragten ob ich in dieser Funktion mit ins Team komme.

MLK: Wie viele Studenten/innen werden Sie in Gstaad über welchen Zeitraum unterrichten?

Antwort: Gstaad ist eine Sommer Akademie; es werden 12 Studierende aufgenommen und der Kurs dauert 3 Wochen.

MLK Daneben sind Sie ein gern gesehener Gastprofessor zum Beispiel an der Juilliard School New York am Royal Northern College in Manchester. Haben Sie denn überhaupt noch genügend Zeit für das Kurpfälzische Kammerorchester Mannheim?

JS: Diese Verpflichtungen als Gast-Professor kann ich natürlich nur selten eingehen; gegenwärtig bin ich nur für 2-3 Gastkurse pro Jahr an anderen Schulen. Manchmal trifft es sich auch gut: New York hat mich für einen Zeitraum engagiert der genau in den Zürcher Semesterferien liegt und zu welchem im KKO wieder mal ein Gastdirigent zum Orchester kommt. Für jedes Orchester ist es wichtig neben der Arbeit mit dem Chefdirigenten immer auch wieder neue Impulse von Gästen zu bekommen!

MLK:  Auch an den Kunstuniversitäten von Berlin und Wien, an der Sibelius-Akademie in Helsinki und der Hochschule für Musik in Hamburg sind Sie sehr engagiert. Wie unterschiedlich sind denn die Studenten/innen der verschiedenen Nationalitäten?

JS: Es unterschieden sich eher die Schulen als die Studierenden. Die Systeme sind unterschiedlich, und das macht es für mich interessant und manchmal sehr lehrreich für meine eigene Unterrichtsarbeit in Zürich. Die Studierenden der Dirigierklassen selber sind an diesen Universitäten normalerweise sehr international durchmischt, wie es auch in meiner eigenen Klasse der Fall ist.

MLK Beim Dirigentenforum des Deutschen Musikrates sowie als Mentor in Ihren internationalen Meisterkursen sind Sie sehr gefragt. Wie muss man sich dieses Engagement konkret vorstellen?

JS: Das Dirigentenforum bemüht sich ja, in seinen Kursen eine vielfältige Auswahl an ganz unterschiedlichen Mentoren anzubieten. Man wird ungefähr alle 2 Jahre wieder mal angefragt. Den eigenen Sommerkurs gebe ich regelmäßig. Da kann ich interessierte Studierende näher kennen lernen. Manchmal kommen sie dann später zur Aufnahmeprüfung für meine Klasse nach Zürich.

MLK: Als Gastdirigent leiteten Sie zahlreiche Orchester wie das Tonhalle-Orchester Zürich, das Musikkollegium Winterthur, das Orchestra della Svizzera Italiana, das Münchner Rundfunkorchester, das Indianapolis Chamber Orchestra, Philharmonia Prag, die Hong Kong Sinfonietta, das Orchester Sao Paulo und viele andere. Wie viele Tage oder Wochen sind Sie denn im Jahr für Konzerte auf Reisen?

JS: Gegenwärtig ist mein Terminkalender mit der Tätigkeit im KKO und der Tätigkeit als Dirigierlehrer in Zürich und anderswo im Prinzip schon voll. Für weitere Gastdirigate bleibt nur ganz selten noch Raum. Aber da ich auch mit meiner eigenen Klasse öfter zu Kursen in andere Städte oder Länder fahre, bin ich schon ziemlich oft unterwegs. Ich habe es nicht nachgezählt, aber ich schätze dass ich gut die Hälfte der Zeit auf Reisen bin.

MLK: 15 Jahre lang waren Sie Leiter des Kammerorchesters Basel und maßgeblich an dessen Aufbau beteiligt und von 1995 bis 2012 waren Sie Chefdirigent des Berner Kammerorchesters und seit Sommer 2013 nun Chefdirigent des Kurpfälzischen Kammerorchesters. Haben Sie eigentlich schon mehr von der Stadt Mannheim außer dem Probensaal und dem Mannheimer Schloss gesehen?

JS: Ja durchaus! Zu einigen Besuchen im Theater, der Erkundung einiger Restaurants und zu Fahrradfahrten zum Luisenpark hat es auch schon gereicht. Die Museen sollen jetzt unbedingt auch mal dran kommen. Aber ja: oft sind die paar Tage in Mannheim dann so voll mit Probenarbeit, Besprechungen und Vorbereitungen dass kaum Zeit für anderes bleibt. Damit muss man zurechtkommen …

MLK: Wir danken Ihnen herzlich für das Interview und freuen uns schon auf die nächsten Konzerte mit Ihnen am Pult.