Dienstag, 20.Oktober 2009 - Klassik: Stefan Schilli und das Kurpfälzische Kammerorchester
Scharfes Charakterbild
Ihr Klang besitzt eine zielgerichtete Direktheit; er wirkt schlank, manchmal auch schmallippig. Er kann erregen, aufstacheln oder hämisch karikieren. Alle diese Eigenschaften der Oboe bestimmen das zweite Abonnementkonzert, in dem das Kurpfälzische Kammerorchester zunächst ein Dreigestim der Mannheimer Schule zu Worte kommen lässt, um sich dann dem Bartok- und Haydn-Verehrer Antal Dorati zuzuwenden. Er komponierte einen Leckerbissen für kühne Virtuosen. Er heißt „Trittico“ und beschäftigt drei Mitglieder der Oboen-Familie.
Der Solist Stefan Schilli betritt das Podium im Rittersaal des Mannheimer Schlosses mit einer Oboe, einer Oboe d‘amore und einem Englischhorn. Die drei Sätze des „Trittico“ zeichnen ganz unterschiedliche, konturenscharfe Charakterbilder. Schilli zeichnet sie technisch überlegen und darstellerisch äußerst wandlungsfähig. Hier verlangt die Komposition vom Interpreten, sich an die Tonfarben eines jeden Instruments anzupassen …
Im Oboenkonzert von Ignaz Jacob Holzbauer dagegen ist zu beobachten, wie Schilli seiner Ausdruckslust folgt, wie er seine Tongebung bewusst variiert, um die Gratwanderung zwischen barocken Auszierungen und vorklassischer Galanterie zu kennzeichnen. Auch das Kammerorchester erhebt dieses Musizieren an der Nahtstelle zweier Epochen zum Kernthema des Programms. Zum Vergleich legt es die D-Dur-Sinfonie von Carl Joseph Toeschi, eine Ballett-Suite von Abbé Vogler und die „Feuer- Sinfonie“ von Haydn vor. Unter der Leitung von Stefan Fraas geben Spielwitz und Experimentierfreude das oft forsche Tempo an. - Doch die schlichte, bedächtige Melodie hat einen ebenso hohen Stellenwert wie die komplizierte Hetzjagd. Aus Sauberkeit und Präzision entsteht eine unbeschwerte Brillanz, an der die Hörner und Oboen als Gäste des Streichorchesters einen großen Anteil haben.
Monika Lanzendörfer, Mannheimer Morgen
21. 09. 2009 – Das Kurpfälzische Kammerorchester feiert einen gelungenen Saisonauftakt im Mozartsaal des Mannheimer Rosengartens
Mit spitzen Fingern zum vollen Klang
Die Begründung überzeugt: „Wir wollten klassische Musik hören“, sagt Dietmar von Hoyningen-Huene vom Vorstand des Kurpfälzischen Kammerorchesters. Deshalb nahm man vor dem Mannheimer Arkadenfest Reißaus und ging vom Musen- in den großen Mozartsaal des Rosengartens, wo dann nur noch eine Ehrenpreis-Verleihung der Musik im Weg steht. Hoyningen-Huene, ein gewiefter Strippenzieher, Landschaftspfleger auf dem Steinacker der Politik, ehrt Michael Sieber, ehemals Kulturstaatssekretär in Stuttgart. Vielleicht liegt es daran, dass die Haydn-Sinfonie im Anschluss (Nummer 69) staatstragend gerät. Der Komponist hat sie mit Pauken und Trompeten ausgerüstet, einem General des Türkenkriegs gewidmet. Diesmal bloß keine Experimente. Aber in den Binnensätzen findet Dirigent Stefan Fraas gleichwohl Gelegenheit, die Musiker zu manch subtilem Wechselspiel zu animieren.
Während Beethovens c-Moll-Klavierkonzert wieder Konflikte kultiviert: Der Pianist steht erstmals in der abendländischen Musikgeschichte einer eher feindlichen Orchestermasse gegenüber. Alexander Schimpf nimmt es gelassen. Er war Schüler von Bernd Glemser, doch auch Olli Mustonen, den Papst des Non-Legato, scheint er gut zu kennen freilich ohne dessen Zug zum Übertriebenen, Exzentrischen zu übernehmen. Seine spitzfingrige, spritzig-trockene Version des Stücks gefällt im aufgekratzten Schluss-Rondo am besten.
Das Orchester ist zwar klein besetzt, stellt aber trotzdem einen überraschend warmen, vollen Klang bereit. Auch in der „Italienischen“ von Mendelssohn, wo wiederum die Binnensätze ganz besonders überzeugen- nicht einmal die Hörner gehen fehl im deutschen Wald des E-Dur-Menuett-Trios. Man kann nur hoffen, dass die Kurpfälzer mit Stefan Fraas die Kontinuität bekommen, die sie brauchen. „Klangkultur mit Tradition“ nennt sich ihre Konzertreihe ja nicht ganz frei von Ehrgeiz.
Hans-Günter Fischer, Mannheimer Morgen
28.04.2009 – Klassik: Viola-Konzerte mit B. Buntrock und den Kurpfälzern
Kraftvoller Antrieb mit Finessen
Die Viola von Barbara Buntrock wurde um 1650 in Italien gebaut. Zu dieser Zeit besaßen die Bratschen noch keinerlei solistische Privilegien. Dennoch produziert das Instrument einen wunderbaren Lkang. Das charaktervolle, füllige Timbre träufelt Seriosität und Gedankentiefe in jeden Notentext. Auch Telemanns Barockkonzert, das der Viola erstmals in der Musikgeschichte eine Solopartie schenkt, wird von dem Klischee des Flotten, Allzuleichten befreit.
Stattdessen breitet sich darin ein blühendes Flair aus. Deshalb setzt sich die farbenreiche Altstimme besonders stark gegen das mechanisch antwortend Kurpfälzische Kammerorchester ab. Es scheint hier noch gastfreundliche Zurückhaltung zu üben, merkt aber schnell, dass Barbara Buntrock, die 1. Solo-Bratscherin des Leipziger Gewandhausorchesters, nicht auf Kavaliere angewiesen ist. In dem Viola-Konzert von Carl Stamitz wird ein pastoses Zusammenspiel erreicht, das von arioser Breite und rasch wechselnden Hell-Dunkel-Effekten lebt, von virtuosen Finessen und kraftvollem Antrieb.
Zum Ende der Saison gönnen sich die kurpfälzischen Bratschen, Celli und der einsame Kontrabass eine Nabelschau im Rittersaal des Mannheimer Schlosses. Endlich einmal können sie sich eindrücklich und attraktiv in Positur werfen. Die Streicher gehen während des 3. Brandenburgischen Konzerts von Bach gewissermaßen der Basslage auf den Grund und konzentrieren sich auf die teils gemütvollen, teils schroffen Reize der Tiefe. Das Cembalo müsste eigentlich neben dem Dirigenten stehen, neben Stefan Fraas. Doch er verbannt es hinter die Orchesterreihen, wo es artig seine Kadenz abliefert und dann vollkommen übertönt wird. Fraas gewährt der Viola angenehm viel Luft zum Atmen und zur Entfaltung ihrer dunklen Seiten. In der neunten Streichersinfonie von Mendelssohn Bartholdy allerdings hat er es sehr eilig und lässt über wertvolle Details hinwegmusizieren. Immerhin: dieses scharfe Tempo provoziert bewundernden Applaus.
Monika Lanzendörfer, Mannheimer Morgen
28.04.09 – Viola im Mittelpunkt
Kurpfälzer und Barbara Buntrock im Mannheim
Sein sechstes und letztes Abonnementkonzert im Rittersaal des Mannheimer Schlosses in dieser Saison hat das derzeit beachtliche Leistungspotential des Kurpfälzischen Kammerorchesters unterstrichen. Unter Leitung seines neuen Chefdirigenten Stefan Fraas wartete das Ensemble mit anregenden, stilvollen Aufführungen von Werken von Telemann, Bach, Carl Stamitz und Mendelssohn auf. Reizvolle Akzente setzte außerdem im ersten Teil die Solistin des Abends, die junge Bratschistin Barbara Buntrock.
In der ersten Hälfte mit Barock und Frühklassik stand die Viola im Mittelpunkt des musikalischen Geschehens. In Telemanns Concerto für Viola, Streicher und Generalbass in G-Dur und in Carl Stamitz‘ D-Dur-Konzert konnte die etwas größere und um eine Quinte tiefer gestimmte Schwester der Geige den ganzen herben Reiz ihres Verhältnismäßig dunkel getönten, sanften, leicht verhangenen Klangs entfalten. Barbara Buntrock, ihres Zeichens erste Solobratschistin des Leipziger Gewandhausorchesters, stand für optimale Tonqualität ein, spielte darüber hinaus überlegen, mit entschlossenem Zugriff, zeigte gestalterischen Willen und die Fähigkeit zum Differenzieren. Bei Stamitz demonstrierte sie überdies auch virtuose spielerische Fertigkeit und nahm besonders im langsamen Mittelsatz durch feine Details der Phrasierung. Ausdrucks- und Farbgebung für sich ein.
Im Kurpfälzischen Kammerorchester und seinem Dirigenten Stefan Fraas fand Barbara Buntrock flexibel und aufmerksam begleitende (und stellenweise dialogisierende) Mitstreiter. Auch vermochten Dirigent und Ensemble zwischen den beiden Bratschenkonzerten in Bachs drittem „Brandenburgischem Konzert“ die kompositorischen Vorgänge schlüssig nachzuvollziehen und die mehrstimmigen Strukturen der Partitur eindringlich darzustellen. Allerdings hätte hier ein wenig mehr gestalterische Fantasie der Wiedergabe bestimmt nicht geschadet. Denn einige Sequenzen, Passagen und kontrapunktische Abläufe wirkten etwas mechanisch.
Die Stunde des Dirigenten und seiner „Kurpfälzer“ schlug dann nach der Pause. Bei Mendelssohns Streichersinfonie Nr. 9 in C-Dur, einem im Jahre 1822 geschriebenen Jugendwerk, in dessen Scherzo (Trio „La Suisse“) Erinnerungen an eine Reise durch die Schweiz des 13-jährigen Mendelsohn nachklingen. Man hört hier fröhliche Jodler und „Kuhreigen“, was den Beinamen ‚Schweizer Sinfonie“ erklärt. Das Stück wurde in Mannheim in sehr konzentrierter, straffer, impulsiver Wiedergabe vorgestellt, im Zeichen zügiger Zeitmaße und akzentfreudiger, konziser Diktion in den Ecksätzen. Da animierte Fraas das beherzt aufspielende Orchester mit (im positiven Sinne) zündendem musikantischem Elan und beredter Dirigiergestik zu durchweg intensivem, spannungsgeladenem gestalterischem Nachdruck.
Gabor Halasz, Die Rheinpfalz
30.03.2009 - Klassik: Das Kurpfälzische Kammerorchester musiziert mit dem Flötisten Pirmin Grehl im ausverkauften Rittersaal
Musikgeschichte zwischen Hochmut und Humor
Den Interpreten kann es gleichgültig sein wie mannheimerisch Mozarts Flötenkonzert KV 313 ist, Der Solist Pirmin Grehl betrachtet es ausschließlich als ein hoch virtuoses, redseliges, überschwängliches Glanzstück. Er schließt darin Gesten, Überraschungen und riskante Extravaganzen ein, die der Komponist zweifellos einem mit allen Wassern gewaschenen Experten zugedacht hat. Grehls reiche Klangskala erlaubt noble Tiefe und quirlige Helligkeit, produziert auch einen Anflug von Hochmut und Witz. Das hört sich keineswegs wie ein Auftragswerk eigens für den Amateurmusiker Ferdinand Dejean an, das Mozart 1778 in Mannheim geschrieben haben will oder soll. Vielleicht hat er geschummelt, in seine Salzburger Schatzkiste gegriffen und damit der Forschung eines von vielen Rätseln hinterlassen?
Immerhin: Es handelt sich um eine Episode aus der Mannheimer Musikgeschichte und betrifft auch den Rittersaal des Schlosses, wo das fünfte Abonnementkonzert des Kurpfälzischen Kammerorchesters zum Vergleich zwischen Mozart und Franz Xaver Richter reizt.
Selten kommt der Senior der Mannheimer Schule gut aus einer solchen Gegenüberstellung heraus. Aber dieses Mal helfen Grehl und Dirigent Stefan Fraas, die humorvolle, sogar verspielte Seite Richters zu entdecken. Dessen e-Moll-Flötenkonzert ermuntert den Solisten und das Streichorchester zu einem niedlich pointierten Rededuell, das natürlich zugunsten der Flöte ausgeht Trotzdem gewinnen beide Parteien, weil sie freudig aufeinander zugehen und antworten. Die Kurpfälzer ziehen sich nie auf eine kleinlaute Begleiterrolle zurück, sondern sie behaupten sich als Akteure, die mit geschärftem Geigenton, voluminösen Bässen und achtsamen Holzbläsern auftreten. Nur das dezente Hornistenpaar wird ausgerechnet an prominenter Stelle vom Pech verfolgt. Mendelssohn Bartholdys achte Streichersinfonie entwickelt sich von einer kammermusikalischen Fleißarbeit hin zu einer spannungsgeladenen, großrahmigen Barock-Hymne.
Monika Lanzendörfer, Mannheimer Morgen
30.03.2009 – Feine Flötentöne
Kurpfälzer Kammerorchester im Mannheimer Schloss
Beim fünften Abonnementkonzert des Kurpfälzischen Kammerorchesters im Rittersaal des Mannheimer Schlosses unter der Leitung von Stefan Fraas gab es zwei herausragende Ereignisse: Die Bratschen-Gruppe durfte in Mendelssohns achter Streichersinfonie solistisch musizieren und zeigen, wie wunderschön dieses Instrument singen und klingen kann. Der prominente, aus der Vorderpfalz stammende Flötist Pirmin Grehl spielte Flötenkonzerte von Mozart und Franz Xaver Richter, einem leider nicht genug aufgeführten Komponisten der Mannheimer Schule.
Dass Mozart Flöten hasste, mag ja wahr sein. Tatsächlich hat er wenig für das liebliche Instrument geschrieben. Man sollte allerdings etwas vorsichtig sein bei der Beurteilung seiner Verurteilung der Flöte. Denn Mozart neigte mitunter dazu, die Wahrheit so ein klein bisschen zu korrigieren. Vielleicht hatte er in seiner Kindheit noch allzu oft die barocken. nicht immer gerade aufregenden Blockflöten-Stückchen gehört und sich ein Trauma zugezogen. Vielleicht war ihm auch der sanfte Ton der damaligen, aus Holz gefertigten Traversflöte nicht kräftig genug. Vielleicht hatte er auch das Pech, virtuos etwas eingeschränkte Flötisten kennengelernt zu haben. Mit dem Wendling hatte er keine Probleme. Und dennoch: Hätte Mozart statt eines Wendling einen Pirmin und statt einer Travers- eine moderne Flöte aus Silber oder sogar aus Gold zur Verfügung gehabt, ja dann hätte er gewiss Dutzende von Flötenstücken komponiert. Pirmin Grehl. der doppelte ARD-Preisträger und Soloflötist des Konzerthausorchesters Berlin, wäre ihm wahrscheinlich sofort und stante pede ans Herz gewachsen. Er hätte gekichert, jubiliert und wäre über Tisch und Stühle gehupft und sich an Freund Grehls Anmut, Schönheit der Themen, Sauberkeit der Koloraturen und der Phantasie seiner Kadenzen erfreut. Der langsame Satz des G-Dur Flötenkonzertes KV 313 fassten Grehl und das Orchester wie ein nächtliches Stück auf.
Sehr wahrscheinlich begegnete Mozart auch dem ehrwürdigen, 47 Jahre älteren Mannheimer Komponisten Franz Xaver Richter, der in diesem Jahr seinen 300. Geburtstag feiert. Es ist sogar vorstellbar, dass dessen schönes Flötenkonzert in e-Moll auch einmal im Rittersaal erklang und Mozart ein bisschen schmunzelte und ahnte, dass seine Stücke bald hunderte der Mannheimer Komponisten verdrängen würden.
Pirmin Grehl spielte Richters Stück sehr lebendig und poetisch inspiriert. Richters Musik ist, was das Handwerk betrifft, außerordentlich subtil und wert, erhalten und gespielt zu werden. Das Orchester war sehr gut auf der Rolle. Man spürte die Spielfreude sowohl bei Mozart als auch Richters Flötenkonzert, dessen F-Dur Sinfonie und bei Mendelssohns achter Streichersinfonie. Der neue Chefdirigent Stefan Fraas hat auch einen guten Draht zum Publikum. Die Konzerteinführungen leitet er selbst und immer in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Solisten.
Gerd Kowa, Die Rheinpfalz
3.2.2009 - Klassik: Die „Kurpfälzer“ spielen erstmals mit ihrem neuen Chef
Da steht ein richtiger Kapellmeister
Es war, was man einen Einstand nach Maß nennt. Stefan Fraas, der neue Chefdirigent des Kurpfälzlschen Kammerorchesters, dirigierte das Ensemble am Wochenende zum ersten Mal in seiner neuen Funktion gleich zweimal. Der Rittersaal des Mannheimer Schlosses war prall gefüllt, und am Pult des kleinen aber feinen Klangkörpers stand mit Fraas ein richtiger Dirigent, will sagen: einer, der nicht nur musikalisch gestalten und wirken will, sondern einer, der auch in der Lage ist, präzise Einsätze zu geben, klangliche Balance fein zu justieren und auch sonst die Qualitäten eines Amtes besitzt, das früher einmal Kapellmeister hieß.
Schon in Corellis Concerto Grosso D-Dur (op. VI, 1) wirkte das KKO ausgesprochen kompakt. Mit Händels Harfenkonzert bewies es, die wunderbare Silke Aichhom begleitend, mit einer sehr ordnenden Spielweise polyphones Verständnis und Durchleuchtungskraft, und bei Franz lgnaz Becks Sinfonie Es-Dur (op. 111,4) harmoniert das Streicherensemble bestens mit den beiden Hornisten. Der Klang ist hell, fein, nur bisweilen gerät er in den ersten Violinen fast etwas zu grell, zumal dort bisweilen die Intonation etwas ins Wackeln geriet.
Höhepunkt des Abends: Ernst Eichners Harfenkonzert D-Dur. Eichner, der 1740 bis 1777 lebte, verlangt der Solistin alles ab, was auch ein früh- klassisches Klavierkonzert von Mozart enthält: neben der thematischen Arbeit virtuose Tonleitern, Akkordbrechungen, Albertibässe und fulminante Forte-Piano-Effekte. Aichhorn spielt das derart souverän, dass man seinen Ohren kaum traut, zumal der Klang, den Fraas mit dem KKO hinzugibt, alles zu einem schier mozartschen Amalgam verschmelzen lässt. Den echten Mozart gab es dann auch zum Finale: in Gestalt der A-Dur-Sinfonie (KV 134) mit zwei Hörnern und zwei Flöten. Vorzüglich. Fraas scheint eine sehr gute Wahl zu sein. Es gibt hier nichts auszusetzen. Wir freuen uns auf mehr.
Stefan Dettlinger, Mannheimer Morgen
4.2.2009 - Der neue Mann
Stefan Fraas dirigiert erstmals das Kurpfälzische Kammerorchester in Mannheim - Harfenistin Silke Aichhorn als Solistin
Stefan Fraas ist seit November neuer Chefdirigent des Kurpfälzischen Kammerorchesters. Der aus dem Vogtland stammende Chefdirigent der Vogtland Philharmonie lotste bei seinem ersten Mannheimer Auftritt die Musiker des KKO sorgfältig und mit Elan durch den Abend. Auf dem Programm des vierten Abonnementkonzerts standen Stücke von Händel, Ernst Eichner, Franz Ignaz Beck, Mozart und Corelli.
Die Orgel, behaupten viele Leute, sei die Königin der Instrumente. In Wirklichkeit ist es aber die Harfe. Der erste Harfenist der musikalischen Weltgeschichte war immerhin der biblische König David. Die junge Harfenistin Silke Aichhorn aus der Schweiz, die beim Konzert des Kurpfälzischen Kammerorchesters im Rittersaal des Schlosses ein Harfenkonzert von Händel spielte, kann man eine Königin lebendiger und poetischer Harfentöne nennen. Die Musikerin gewann den Prix d‘etudes des Schweizer Musikrates und den Wettbewerb der Deutschen Harfenvereinigung. Sie begeisterte das Publikum mit ihren subtilen dynamischen Nuancen und ihrer klaren Artikulation.
Nach Händel begleitete das Orchester die Solistin in einem Harfenkonzert des zu Unrecht vergessenen Komponisten Ernst Eichner, der von 1762 bis 1773 als Violinist in der Zweibrücker Hofkapelle arbeitete. Der bereits im Jahr 1777 im Alter von nur 37 Jahren in Potsdam verstorbene Tonsetzer näherte sich bereits der graziösen Musiksprache Mozarts an. Im langsamen Satz des selten gespielten Konzertstücks bewunderte man die Kunst der Solistin, den Melodien dieses charmanten Harfenkonzerts eine Ausdruckstiefe zu entlocken, die die Herzen schneller schlagen ließ. Unüberhörbar war die Musizierfreude der Musiker. Die Balance zwischen Harfe und Orchester war ideal.
Stefan Fraas ist ein Dirigent der zärtlichen Gebärden und lockeren Zeichengebung. Er hat ein ausgeprägtes Gespür für die Stile der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der 1734 in Mannheim geborene Franz Ignaz Beck war, bevor er wegen einer Schlägerei mit einem Bürger aus Mannheim sich nach Frankreich absetzte, sehr wahrscheinlich vom Komponisten Stamitz am Hof Carl Theodors unterrichtet worden. Fraas gelang es, in einer Es-Dur Sinfonie des Komponisten dem Orchester jene explosive Sturm-und-Drang- Atmosphäre zu entlocken, die für die so genannte Mannheimer Schule charakteristisch war.
In Mozarts A-Dur Sinfonie KV 134 genoss man eine Lebendigkeit, die die Grenzen biederen, braven Anstands übersprang. Kleine intonatorische Ungereimtheiten bei den ersten Violinen störten den Furor des Orchesters kein bisschen. Im langsamen Satz sangen die Geigen. Wieder einmal spürte man Mozarts Nähe zu Opernarien. Würde man die geigerischen Kantilenen durch einen Sopran ersetzen, hätte man eine neue Konzertarie erfunden. Zu Beginn des Konzertes spielte das Orchester ein Concerto grosso von Antonio Corelli und als Zugabe am Konzertende einen Satz aus Mozarts Divertimento KV 138.
Gerd Kowa, Die Rheinpfalz
4.2. 2009 - Modell für eine gute Zukunft
Kurpfälzisches Kammerorchester unter neuem Chefdirigenten
Es ist eine schöne Gewohnheit, Traditionen zu pflegen und sich nicht immer jeder modischen Strömung auszuliefern. Die Tradition des Kurpfälzischen Kammerorchesters (KKO) beinhaltet die Liebe zur Musik am Hof Carl Theodors in Mannheim. Mehr noch: Das Orchester spielt nicht auf historischen Instrumenten, um angeblich authentische Klänge des kurpfälzischen Fürsten zu produzieren. Das sollen andere tun: Spezialisierung ist für regionale Kammerorchester ja durchaus riskant. Die Musik des 18. Jahrhunderts diente im Rittersaal des Mannheimer Schlosses stets der schönen Unterhaltung. Und so soll es bleiben.
Für diese Normalität und Aktualität ist Stefan Fraas, der das Orchester als Chef dirigent nun leitet, genau der richtige Mann. Immerhin muss er auf ein weit gefächertes Repertoire achten, das von Barock bis fast zur Gegenwart reicht. Das erste Konzert unter der Leitung des neuen Chefs war so etwas wie ein Modell für eine gute Zukunft des Orchesters.
Fraas, Chef dirigent der Vogtland Philharmonie und Ehrendirigent des Chinesische Rundfunkorchesters Peking, gelang es, den Musikern bei einer Sinfonie des in Mannheim im Jahr 1734 geborenen Komponisten Franz Ignaz Beck bemerkenswerte Lebendigkeit zu entlocken.
Seine Lesart der Mozart-Sinfonie in A-Dur KV 134, entsprach der aufregend gespannten Umtriebigkeit des genialen Donnerblitzbuben aus Salzburg, dessen herrliche, einzigartige Melodien man einfach nicht aus dem Kopf fegen kann wie Staub aus dem Wohnzimmer, ganz im Gegensatz zu den teilweise ähnlichen Stücken der Mannheimer Schul-Komponisten. Merkwürdig, oder? Ist das etwa der Punkt auf dem „i“, der den fleißigen, begabten Tonsetzern fehlt?
Der Höhepunkt des Abends war der Auftritt der Harfenistin Silke Aichhorn aus der Schweiz. Diese großartige, unwiderstehlich subtile und sensible Künstlerin spielte ein anrührendes Konzert von Ernst Eichner, der einige Jahre des 18. Jahrhunderts in Zweibrücken tätig war, sowie Händels Konzert für Harfe und Orchester. Die Anmut, die Klarheit und die organisch wirkende Dynamik ihres Vortrags waren einfach verführerisch. Nicht nur für die Menschen, sondern auch für die Engel im siebten Musikhimmel.
Gerd Kowa, Rhein-Neckar-Zeitung

